INCI verstehen: Was die Inhaltsstoffliste deiner Kosmetik wirklich verrät
Marc R.
23. Oktober 2025
Lesedauer ca. 7 Min
Du nimmst eine Feuchtigkeitscreme, drehst sie um und liest: Aqua, Glycerin, Cetearyl Alcohol, Caprylic/Capric Triglyceride, Phenoxyethanol, Dimethicone, Parfum. Wenn dir die Hälfte davon nichts sagt, bist du in guter Gesellschaft.
Jedes Kosmetikprodukt in der EU muss seine Inhaltsstoffe nach dem INCI-System ausweisen. Sind die Grundregeln einmal klar, wird so eine Liste tatsächlich lesbar - und was da steht, ändert oft, was man kauft. In meiner Arbeit an der Rohstoffauswahl lese ich solche Listen täglich; die Logik dahinter ist erlernbar.
Wie das INCI-System funktioniert und warum es existiert
Warum die Reihenfolge der Inhaltsstoffe das Wichtigste ist
Die häufigsten Inhaltsstoffkategorien und was sie tun
INCI-Reihenfolge = meiste bis wenigste Menge. Wasser zuerst = wasserbasierte Rezeptur. Öl oder Butter zuerst = wasserfreie Rezeptur. 'Parfum' = nicht offenbarte Duftstoffmischung. Woodflame Sheabutter = ein INCI-Eintrag: Butyrospermum Parkii Butter.
Wie das INCI-System funktioniert
Das INCI-System wurde in den 1970er Jahren entwickelt und 1997 als EU-Standard für die Kosmetikkennzeichnung übernommen. Die Benennungslogik dahinter ist einfach: Pflanzliche Inhaltsstoffe tragen den lateinischen Pflanzennamen plus Pflanzenteil - Butyrospermum Parkii Butter ist Sheabutter, Theobroma Cacao Seed Butter ist Kakaobutter. Synthetische Inhaltsstoffe stehen unter ihrer chemischen Bezeichnung, etwa Dimethicone (ein Silikonpolymer) oder Phenoxyethanol (ein Konservierungsmittel).
Die wichtigste Regel ist die Reihenfolge: Alle Inhaltsstoffe über 1% müssen in absteigender Konzentration erscheinen. Wer die Liste von oben liest, liest also die Rezeptur von der größten zur kleinsten Menge.
Bei oder unter 1% endet diese Pflicht - dort dürfen Inhaltsstoffe in beliebiger Reihenfolge stehen. Genau diese Ausnahme macht es legal, einen 'Helden'-Inhaltsstoff in Spurenmengen prominent zu bewerben.
Farbstoffe fallen aus beiden Regeln heraus: Sie dürfen unabhängig von ihrer Konzentration am Ende der Liste stehen und erscheinen als CI-Nummern - CI 77891 ist zum Beispiel Titandioxid.
Der praktische Test:
Zähle die Inhaltsstoffe einer typischen Feuchtigkeitscreme. Wenn der 'aktive' Pflanzenextrakt an Position 20 erscheint, ist er in Spurenmengen vorhanden. Die ersten 5 bis 8 Inhaltsstoffe machen ca. 80 bis 95% der Rezeptur aus.
Häufige Inhaltsstoff-Kategorien
Sobald du Inhaltsstoffkategorien an ihren INCI-Namen erkennen kannst, wird eine Inhaltsstoffliste viel lesbarer.
Emollienzien und Hautpflegestoffe: Pflanzliche Öle und Butters und synthetische Ester. Eine kommerzielle Shea-Butter-Creme enthält möglicherweise 2 bis 5% Sheabutter statt 100%.
Silikone (Dimethicone, Cyclopentasiloxane): Synthetische Polymere aus Silizium und Sauerstoff. Sie schaffen einen glatten Film, werden aber nicht absorbiert.
Konservierungsmittel (Phenoxyethanol): Jede wasserhaltige Rezeptur benötigt ein Konservierungsmittel. Wasserfreie Rezepturen wie Sheabutter oder Bienenwachs benötigen keins.
Feuchthaltemittel (Glycerin, Hyaluronsäure): Ziehen Wasser an die Hautoberfläche. Glycerin ist günstig und hochwirksam.
Emulgatoren (Cetearyl Alcohol): Ermöglichen die stabile Mischung von Öl und Wasser.
Der DIY-Vorteil:
Eine selbstgemachte Körperbutter aus Sheabutter, Kakaobutter und Süßmandelöl hat einen dreizeiligen INCI-Eintrag. Du weißt genau, was du hinzugefügt hast. Vollständiges Beispiel in der Körperbutter-Anleitung.
Was 'Parfum' wirklich bedeutet
'Parfum' ist ein einzelner INCI-Eintrag - und das undurchsichtigste Element jeder Inhaltsstoffliste. Die EU-Kosmetikverordnung (EG) Nr. 1223/2009 verlangt nicht, dass die einzelnen Bestandteile einer Duftstoffmischung offengelegt werden. Hinter dem einen Wort können 10 bis über 300 einzelne aromatische Verbindungen stehen, und keine davon muss einzeln aufgeführt werden, solange sie nicht auf der Liste der 26 EU-regulierten Duftstoffallergene steht.
Diese Allergenliste ist der Grund, warum am Ende mancher Inhaltsstofflisten Einträge wie Limonene, Linalool oder Citronellol auftauchen: Die EU verlangt die Offenlegung deklarationspflichtiger Duftstoffallergene, sobald sie in Leave-on-Produkten 0,001 % überschreiten - die Liste wurde mit der Verordnung (EU) 2023/1545 von 26 auf über 80 Stoffe erweitert und gilt für neu in Verkehr gebrachte Produkte ab Ende Juli 2026.
Ein 'Parfum (Natural)' ist dabei nicht automatisch sicherer - entscheidend ist nicht die Herkunft des Dufts, sondern welche Allergene einzeln offengelegt sind.
Für DIY heißt das ganz praktisch: Stellst du ohne jeglichen Duftstoff her, enthält deine Rezeptur null Duftstoffverbindungen. Für Menschen mit Empfindlichkeiten ist das der klarste Vorteil, den Selbermachen an dieser Stelle bietet.
Fragen aus der Praxis
Die Beweise zu Parabenen sind nuancierter als die Verbraucherperzeption suggeriert. Das SCCS hat festgestellt, dass Propylparaben und Butylparaben bei Konzentrationen bis zu 0,14% sicher sind. Die Sorge um endokrine Disruption wurde bei kosmetisch relevanten Konzentrationen nicht bestätigt.
Aqua ist einfach Wasser. DIY-Körperbutter und Lippenbalsam sind wasserfrei - sie benötigen kein Konservierungsmittel.
Nicht automatisch. Die bedeutungsvolle Unterscheidung ist 'Inhaltsstoffe, die du kennst, vs. Inhaltsstoffe, die du nicht kennst'.
EU-Verordnung 1223/2009 definiert Kosmetika als Produkte für externe Körperoberflächen zur Reinigung, Parfümierung oder zum Schutz. Ein Kosmetikum kann rechtlich nicht behaupten, eine Krankheit zu behandeln.
Fazit
Eine INCI-Liste zu lesen braucht keinen Chemieabschluss. Drei Dinge tragen am weitesten: Die Reihenfolge verrät die Konzentration, Wasser an erster Stelle heißt wasserbasiert, und 'Parfum' bleibt eine Black Box.
Stellst du ein DIY-Produkt aus Woodflame-Rohstoffen her, weißt du dagegen bei jeder Position genau, was drin ist - und aus welcher Charge. Für den Praxiseinstieg: der Leitfaden für DIY-Naturkosmetik-Anfänger.
Marc ist gelernter Lieferkettenmanager und seit über acht Jahren leidenschaftlicher Kerzenmacher. Bei Woodflame ist er verantwortlich für Produktqualität und Rohstoffauswahl. Er testet jede neue Rezeptur selbst - und bringt das gesammelte Wissen aus hunderten Brenntests in die Woodflame-Anleitungen ein.
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